Home
zurück
Gesundheit zweiter Klasse
von S. Gastler
Gesund, gesund, gesund. In unserer Wohlstandsgesellschaft scheint Gesundheit das höchste Gut zu sein. Und wir investieren viel, um uns unsterblich und ewig jung zu halten.
Ich auch! Ich beschloss Anfang letzten Jahres mit dem Joggen zu beginnen. Vor jedem Neuanfang steht natürlich erstmal ein BUCH! Ich habe mir also Lektüre zum Thema Joggen besorgt und habe mir selbst einen Trainingsplan erstellt. Schnell war mein Ehrgeiz geweckt. Doch dann, eines Tages auf meiner Runde, schoss mir plötzlich ein stechender Schmerz in die Wade, der nicht mehr vergehen wollte. Ich hatte mich verletzt und "Experten" legten mir nahe, einen Arzt zu konsultieren.

Ich HASSE Ärzte. Alle! Deshalb tat ich mich schwer mit dieser Entscheidung. Da sich die Schmerzen aber nicht besserten, setzte ich mich also doch an mein Notebook und suchte nach Sportärzten in meiner Nähe. Ich fand dann einen, mit einer hübschen Internetseite, erwählte ihn zu meinem Arzt und rief dort an. Vormittags. Es nahm keiner ab. Mittags? Es ging keiner ran. Nachmittags? Es ging keiner ran. Niemand. Auch kein Anrufbeantworter. Ich versuchte es ein paar Tage. Nichts. Ich zweifelte an der Existenz der Praxis und schrieb eine Email mit der Bitte um einen Termin. Der feine Herr Doktor persönlich antwortete mir am selben späten Abend. Sie hätten eine freie Sprechstunde. Ich könnte jeden Morgen ab acht Uhr vorbei kommen. Das tat ich.

Als ich dort ankam, war ich schockiert. Die Praxis war in einer kleinen Etagenwohnung in einem Mehrfamilienhaus in unserer Fußgängerzone untergebracht. Die ganze Praxis war voller Menschen. Überall. Am dunklen Empfangstresen standen zwei völlig überforderte Assistentinnen und managten den Patientenandrang. Ich warf ihnen meine 10 Euro Kassengebühr und meine Versichertenkarte über den Tresen und bekam als Dank ein "Wir sind jetzt bei einer Stunde Wartezeit. Gehen Sie doch noch einen Kaffee trinken." zurück. Gerne.
Nach ca. einer Stunde erklomm ich abermals die Stiegen zum Praxis-Appartment in der 1. Etage. Noch voller als vorher. Ich wartete artig eine gefühlte Ewigkeit am Empfangstresen, nur um nachzufragen, ob ich noch weiter warten solle. "Ja, aber bitte im Wartezimmer. Es dauert noch etwas." Ach was. Ich schlängelte mich also durch einen engen Flur, der vollgepfropft war mit Patienten. Sie lehnten rechts und links an der Wand, teilweise auch in zwei Reihen. Dicht an dicht, eng an eng. Mir wurde ganz übel beim Vorbeigehen, ob der Ausdünstungen der Verletzten und dem Mangel an Sauerstoff im dunklen Flur (graue Tapeten, anthrazitfarbener Teppich, keine Fenster).
Dann endlich das Wartezimmer. Hier gab es Licht, denn hier gab es Fenster. Die waren aber verschlossen und so waberte überall der strenge Alkohol- und Nikotingeruch meiner Mitwartenden durch die Räume. Überall verletzte Menschen. Kein Sitzplatz frei, keine Ecke zum herumstehen frei. Langsam war ich verzweifelt. Also wieder in den Flur zurück und um die Ecke geblickt. Ich fand ein winziges Stück freie Wand und lehnte mich dagegen. Erschöpft. Ich wollte da raus! Als ich irgendwann unauffällig auf meine Uhr schielte, sah ich, dass mehr als eine weitere Stunde vergangen war. Da ich ja auch noch arbeiten musste, gab ich leichtsinnig meinen Wandanlehnwarteplatz auf und humpelte mit dem kaputten Flunken durch die Menschenmasse zurück zum Tresen. Wie lange noch, fragte ich nun doch eine Spur gereizt. Die Assistentin sagte: "Mindestens noch eine Stunde."
Ich blickte in den dunklen schmalen Flur, auf die vielen verletzten Menschen und stellte mir kurz eine weitere Stunde hier im Stehen vor. Ich hätte dann weit über drei Stunden gewartet, ohne zu wissen, ob ich wirklich nach weiterer Wartezeit drangekommen wäre. Nein! Ich verlangte meine Versichertenkarte und meine 10 Euro zurück und humpelte davon.

Was ich hier beschrieben habe ist mir so oder so ähnlich schon häufiger passiert. Es muss nicht so drastisch sein. Auch weniger auffällige Situationen sind nicht akzeptabel.
Rufe ich bei meinem Hautarzt an, kriege ich ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben, zu hören: "Wir sind jetzt bei zwei Monaten Wartezeit für einen Termin!" (So als würde man dann sagen: "Ach so, nö dann lieber nicht!")
Mein Hausarzt berührt meinen Nacken und sagt: "Sie bräuchten eigentlich dringend Massagen, aber das ist nicht im Budget."
Wenn der Gatte (Privatpatient!) und ich uns einen Termin zum Gesundheits-Check holen, hat er drei (!) DIN A 4 Seiten mit Untersuchungsterminen. Ich bin nach einer Blutentnahme und einem Gespräch fertig. Ich könnte unendlich mit diesen Beispielen weiter machen.
Meine Meinung dazu, so deutlich, wie möglich: Ich empfinde unser Gesundheitswesen und die Art und Weise, wie niedergelassene Ärzte es leben DEMÜTIGEND!
Ärzte demütigen ihre Patienten! Dieser oben beschriebene Sportarzt hat mich und alle anderen Patienten erniedrigt! Wie Vieh auf dem dunklen Flur stehend! Stundenlang! Als wäre unsere Zeit unwichtig! Also lassen wir uns das bieten? Kann ich nicht von einem Arzt ein ordentliches Praxismanagement erwarten, bei dem nur so viele Patienten in der Praxis sind, wie Wartestühle vorhanden? Ja, liebe Ärzte, Praxisorganisation, so etwas gibt es tatsächlich! Aber das würde ja Mühe machen. Wozu? Die Patienten kommen ja doch immer wieder, sie haben ja keine Wahl.

Ich bin noch relativ jung und gesund. Ich halte mich von diesen arroganten Quacksalbern fern, so gut es geht. Aber es geht eben nicht immer und es gibt viele Menschen, die wirklich krank sind und sich diesen Erniedrigungen immer wieder aussetzen müssen. Sie haben keine Wahl.
Meine Physiotherapeuten fragte mich jüngst, warum ich meine Massagen selbst bezahle und sie mir nicht verschreiben lasse.
Das hat einen triftigen Grund:
Weil ich bei diesen Weißkitteln nicht zu einem gottverdammten Bittsteller werden will. Ich will nicht um etwas betteln müssen, was unser Gesundheitssystem nur noch für Gutbetuchte vorgesehen hat. Sie halten diese Gefühle für unwichtig? Nein! Es ist einfach falsch, wenn man sich als Kassenpatient für seine Gesundheit prostituieren muss. Ich musste sogar schon um eine Krankmeldung betteln, obwohl ich Fieber hatte! Das ist demütigend!
Dieses genervte Getue am Telefon, wenn man um einen Termin bittet. Dieser drohende Blick, wenn sie dich ins Wartezimmer schieben und sagen "Hoffentlich haben Sie Zeit mitgebracht!". Dann die Sekundenabfertigung im Sprechzimmer, wo dir der Arzt das Gefühl vermittelt: "Mach schneller, du störst!"
Natürlich sind das alles sehr subjektive Empfindungen. Natürlich gibt es auch engagierte Ärzte. Und natürlich weiß ich auch um deren Situation. Durch unsere Abrechnungssysteme verdienen Ärzte nun mal nur an Privatpatienten. Und natürlich schauen sie auf ihr Budget, wenn es darum geht mir die Massagen oder lieber Oma Gertrude ihre Lymphdrainage zu verschreiben.
Aber diese 2 Fragen müssen erlaubt sein: Warum müssen Ärzte diese Entscheidungen überhaupt treffen? Und warum berät ein Arzt niemals offen und ehrlich?
Ich würde es schon als kleinen Fortschritt betrachten, wenn ein Arzt sagt, Sie haben Krankheit XY. Um das nach besten Standards therapieren zu können, brauchen Sie Dies, Das und Jenes. Von der Kasse kriegen Sie Dies bezahlt. Das und Jenes müssen Sie selbst bezahlen oder Sie lassen es. Das wäre fair und ehrlich. Mein Körper, meine Entscheidung. Das passiert aber nicht. Die Ärzte verschweigen Ihnen, was das Richtige wäre oder sie lügen, wenn es um die beste Therapie geht. Sie verschweigen Therapiemöglichkeiten, weil Sie Ihnen nicht sagen wollen, dass Sie Ihnen aus finanziellen Gründen nicht helfen werden. Und Sie können als Kassenpatient die Therapien nicht selber zahlen. Sie haben keine Chance sich um sich selbst zu kümmern, weil Sie für alles eine ärztliche Verordnung brauchen. Selbst wenn mir einer sagt, medizinische Massagen würden mir helfen, kann ich mir diese nicht selber verschreiben. Das MUSS ein Arzt machen. Ich bekomme als Selbstzahler lediglich "Wellnessmassagen".
Wir haben also als Kassenpatienten KEINE Chance auf eine alles beinhaltende, kurative Therapie, wenn es das Budget nicht zulässt.
Ich bin darüber verzweifelt. Ich bin verzweifelt, ob der Demütigungen, die uns Kassenpatienten tagein tagaus widerfahren und ob der kompromisslosen Ausweglosigkeit, der wir uns hier stellen müssen. Als Angestellter mit mäßigem Verdienst können Sie sich nicht bzw. nur teilweise privat zusatzversichern. Gute, ganzheitliche medizinische Versorgung bekommt in unserem Land nur der Besserverdiener. Denn auch die Selbständigen, die sich keine Privatversicherung leisten können, gucken in die Röhre.

So läuft das in einer Zweiklassengesellschaft. Darüber dürfen Sie sich gerne aufregen. Diese Ärzte, mit ihrem Klassendenken, die tun Ihnen weh.
Die reiche Pharmaindustrie, die das alles mitbestimmt, die tut Ihnen weh.
Die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen tun Ihnen weh. Und alle, die wir uns das gefallen lassen, tun mir weh.

Januar 2012
oben